Fidel Castro kämpfte einst verbissen um seinen eigenen Sohn
Warum sich Cubas Staatschef heute so vehement für die
Rückkehr des Flüchtlingskinds Elián einsetzt
Der leidenschaftliche Einsatz des cubanischen Staatschefs Fidel Castro
für die Rückkehr des derzeit in den USA lebenden Flüchtlingsjungen Elián
González hat möglicherweise auch ganz persönliche Gründe. Vor mehr als
vier Jahrzehnten war Castro in einer ähnlichen Situation wie Eliáns
Vater, als er um das Sorgerecht für seinen erstgeborenen Sohn kämpfte.
Damals wie heute beleuchtet die Auseinandersetzung um ein Kind die politischen
und menschlichen Konflikte zwischen Exilcubanern und ihren in der Heimat
lebenden Verwandten. Castro hatte kürzlich die «extremistische und terroristische
Mafia von Südflorida» dafür verantwortlich gemacht, dass Elián noch
immer in den USA ist. Die in Südflorida lebende cubanische Exilgemeinde
verhindert nach Castros Worten Eliáns Rückkehr zu seiner «rechtmässigen
Familie und Heimat».
Als der junge Revolutionär Fidel Castro Mitte der 50-er Jahre wegen
eines Anschlags auf eine Kaserne in Santiago inhaftiert war, so der
Biograph Tad Szulc, reichte seine erste Frau Mirta D"az-Balart die Scheidung
ein und siedelte mit dem fünfjährigen Fidelito, Klein-Fidel, in die
USA über. Obwohl sie das Sorgerecht zugesprochen bekam, bestand Castro
auf einer Rückkehr seines Sohnes nach Cuba. Castro, der Vater von insgesamt
acht Kindern ist, schrieb damals an seine ältere Halbschwester Lidia:
«Wer mir dieses Kind wegnehmen will, muss mich töten.»
Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis ging Castro nach Mexiko, um
sich auf einen Guerillakampf gegen die Cubanische Regierung von Präsident
Batista vorzubereiten. In dieser Zeit überredete er Mirta D"az-Balart,
den Jungen auf einen zweiwöchigen Besuch nach Mexiko zu schicken. Der
Junge kam, und Castro liess ihn nicht mehr zurück, schreibt Robert E.
Quirk in der Biographie «Fidel Castro». Wenig später wurde Fidelito
bei einem Ausflug in Mexiko-Stadt von drei bewaffneten Männern entführt.
Seine Mutter floh kurz darauf nach Mexiko, um ihr Kind wieder abzuholen.
Doch nach Castros Revolution 1959 kehrte Fidelito nach Cuba zurück,
um bei seinem Vater zu leben.
Der heute 50-jährige Castro-Sohn studierte Atomphysik in der Sowjetunion
und lebt jetzt mit seiner eigenen Familie in Havanna. Seine Mutter soll
in Spanien leben. Ihr Neffe, Lincoln D"az-Balart, ein in Florida lebender
Republikaner, setzte sich im aktuellen Streit um das Flüchtlingskind
Elián für einen Verbleib des Jungen in den USA ein.
Elián hatte die Flucht in die USA überlebt, während seine Mutter und
der Stiefvater ertranken. Der Junge wohnt nun beim Grossonkel in Miami.
Der leibliche Vater fordert die Rückkehr Eliáns nach Cuba.
Von Anita Snow