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Kultur >> Literatur >> Ernest Hemingway

Hemingway wurde am 21. Juli 1899 in Oak Park, einem feinen Vorort von Chicago, geboren. In seiner Kindheit laufen vermutlich alle Fäden zusammen, die zu seinem späteren, zerrissenen Persönlichkeitsbild beitrugen. Mutter Grace, eine dominante, herrische Person, hatte ihre eigene Vorstellung von Kindererziehung und liess den kleinen Ernest jahrelang in Mädchenkleidern umherlaufen. Eine schamvolle Erfahrung. Der Vater war ein zum Jähzorn neigender, puritanischer Einzelgänger. Seine einzige Freude war die Jagd; am wohlsten fühlte er sich, wenn er seinen Sohn, fern der Ehefrau, in freier Natur in dieser Kunst unterrichten konnte. Diesen Seelenballast nahm der kleine Ernest mit in sein Leben. Es sollte fatale Auswirkungen haben.

Ernest Hemingway

Schon früh war ihm klar, dass er nichts anderes als schreiben wollte. 1916 verdingte er sich als Kolumnist beim "Kansas City Star". Ein Jahr später meldete er sich zum Roten Kreuz an die italienische Front, wurde verwundet und liess sich später wie ein Kriegsheld in der Heimat feiern. Das Stilisieren der eigenen Person war bei ihm schon früh stark ausgeprägt. 1921 heiratete er Hadley Richardson, (die erste von vier Ehefrauen). Seine Beziehung zu Frauen verdient besondere Beachtung. Zeitlebens befand sich Hemingway in einem sexuellen Zwitterzustand, den er rigoros verdrängte und dessen Existenz er erst in seinem nachgelassenen Roman Der Garten Eden zugab. 1923 dann der Startschuss: Three Stories And Ten Poems kam auf den Markt. Wurde dieses Werk noch eher gering beachtet, änderte sich dies schlagartig mit seinem ersten Roman Fiesta im Jahre 1926. Ein Jahr später erschien der Kurzgeschichtenband Männer ohne Frauen. Spätestens jetzt war Hemingway ein Star und Neuerer der amerikanischen Literatur, insbesondere der traditionellen Kurzgeschichte. Seine knappe und drastische Sprache wurde stilbildend.

Im selben Jahr beging der Vater Selbstmord und Hemingway, der darüber fast verzweifelte, brach mit seiner Mutter, die er zeitlebens gehasst hatte, endgültig. Es folgten ausgedehnte Reisen nach Afrika, in denen er sein Grosswildjägerimage verfeinerte. Die dreissiger Jahre blieben seine kreativste Zeit. Er veröffentlichte Tod am Nachmittag, Die grünen Hügel Afrikas und schliesslich 1939 das epochale Grosswerk Wem die Stunde schlägt, diese grandiose Schilderung einer Liebesgeschichte während dreier Tage im Spanischen Bürgerkrieg.
Dann folgte der grosse Bruch. Erste Schreibhemmungen stellten sich ein. Es sollte ein Jahrzehnt vergehen, bevor er mit Über den Fluss und in die Wälder wieder einen Roman zustandebrachte. Das Werk wurde schlimm verrissen und Hemingway mit Spott übergossen. Der leidenschaftliche Boxer war angeschlagen, aber noch nicht ausgezählt. Ein letztes Mal noch zeigte er es allen und schwang sich zu einer Höchstleistung empor: Der alte Mann und das Meer. Diese berühmte Parabel vom Kampf eines armen Fischers mit einem Schwertfisch war die Bündelung Hemingway´scher Philosophie: "Ein Mann kann besiegt, aber nicht vernichtet werden." Der Nobelpreis war die Belohnung dafür. Ein Pyrrhussieg, wie sich zeigte, denn Hemingway machte diesen Preis später für das Erlöschen seiner Schreibfähigkeit mit verantwortlich.

Seine Zeit ging zu Ende. Er verfiel in tiefste Depressionen und eine fast krankhafte Eifersucht auf seine erfolgreichen Kollegen Faulkner und Dos Passos. Zeitweise fühlte er sich vom FBI verfolgt (was sich im Nachhinein als wahr herausstellte). Eine Schocktherapie in der Mayo-Klinik zeitigte keinen Erfolg. Der grosse Autor wollte diese Schmach nicht länger hinnehmen. Er hatte seine Entscheidung getroffen. Im Morgengrauen des 2. Juli 1961 erschoss sich Ernest Hemingway in seinem Haus in Ketchum, Idaho mit seiner doppelläufigen Schrotflinte.


Der alte Mann und das Meer
Hemingways wohl berühmtestes Gleichnis war das des alten cubanischen Fischers. Allein auf See fängt er einen Merlin und kann doch nicht mehr als die Gräten gegen die Haie zu Wasser verteidigen.

Ernest Hemingway in Peru bei den Dreharbeiten zum Film"The old man and the sea" 1956

Das Seemannsgarn, das Hemingway in dieser Geschichte spinnt, macht dem Autor alle Ehre. Mehr noch: The Old Man and the Sea bedeutete eine Wiederbelebung der Karriere Ernest Hemingways, die unter der Last so harter Brocken der Nachkriegszeit wie Über den Fluß und in die Wälder unterzugehen drohte. Darüber hinaus verdankte Hemingway diesem Werk den Nobelpreis, der ihm im Jahre 1954 zuerkannt wurde (eine Auszeichnung, die Hemingway nur allzu gerne entgegennahm, trotz seiner früherer Bemerkung, daß "kein Hurensohn, der einmal den Nobelpreis gewonnen hat, jemals wieder etwas Lesenswertes geschrieben hat"). Auch ein halbes Jahrhundert später bedarf die Auszeichnung keinerlei Rechtfertigung: Die Geschichte, in der ein alter cubanischer Fischer mit einem riesigen Marlin kämpft, fängt Hemingways Lieblingsmotive von körperlicher und moralischer Herausforderung ein. Doch ist Santiago zu alt und schwach, als dass er jene machohaften Kleider, die viele der späteren Werke Hemingways verunzierten, tragen könnte: "Auf den Backenknochen hatte er die braunen Flecken von harmlosem Hautkrebs, den die Sonne durch die Spiegelung auf tropischen Meeren verursacht hat. Die Flecken bedeckten ein gut Teil seines Gesichtes, und seine Hände zeigten die tief eingekerbten Spuren vom Handhaben schwerer Fische an den Leinen." Auch in puncto Stil kehrt Hemingway zu jenen meisterhaften Schnappschüssen von Wahrnehmung zurück, durch die er schon früh berühmt wurde: "Gerade bevor es dunkel wurde, als sie an einer großen Insel von Sargassotang vorbeikamen, die in der leicht bewegten See auf und ab wogte, als ob der Ozean unter jener gelben Decke mit etwas sein Liebesspiel triebe, biss eine Makrele an der kleinen Schnur an. Er sah sie zuerst, als sie, im letzten Sonnenlicht ganz golden, in die Luft sprang und sich in der Luft bog und heftig um sich schlug." Hätte ein jüngerer Hemingway diesen Kurzroman geschrieben, hätte Santiago den riesigen Fisch wahrscheinlich ins Wasser zurückgeworfen und für ein triumphierendes Foto posiert, so wie der Autor dies um 1935 genüsslich zu tun pflegte. Stattdessen wird Santiagos Trophäe von einem Schwarm Haie verschlungen. Der Protagonist kehrt daraufhin mit kaum mehr als dem Skelett zurück, legt sich schlafen und zementiert in der letzten Zeile des Buches die Identifizierung mit seinem Schöpfer mit den Worten: "Der alte Mann schlief und träumte von den Löwen." Vielleicht verbirgt sich hinter diesem Satz ja eine Art Allegorie von Kunst und Erfahrung, zumindest aber war The Old Man and the Sea der letzte große Fischzug in Hemingways Karriere. --James Marcus



Buch-Empfehlungen:


Der alte Mann und das Meer
Ernest Hemingway
Preis: 6,50 Euro
Taschenbuch 143 Seiten
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Auszug: Es war ein alter Mann, der allein in einem kleinen Boot im Golfstrom fischte, und er war jetzt vierundachtzig Tage hintereinander hinausgefahren, ohne einer Fisch zu fangen. In den ersten vierzig Tagen hatte er einen Jungen bei sich gehabt. Aber nach vierzig Fischdosen Tagen hatten die Eltern des Jungen ihm gesagt, daß der alte Mann jetzt bestimmt für immer salao sei, was die schlimmste Form von Pechhaben ist, und der Junge war auf ihr Geheiß in einem andern Boot mitgefahren, das in der ersten Woche drei gute Fische gefangen hatte. Es machte den Jungen traurig, wenn er den alten Mann jeden Tag mit seinem leeren Boot zurückkommen sah, und er ging immer hinunter, um ihm entweder die aufgeschossenen Leinen oder den Fischhaken und die Harpune oder das Segel, das um den Mast geschlagen war, hinauftragen zu helfen. Das Segel war mit Mehlsäcken geflickt, und zusammengerollt sah es wie die Fahne der endgültigen Niederlage aus. Der alte Mann war dünn und hager, mit tiefen Falten im Nacken. Auf den Backenknochen hatte er die braunen Flecken von harmlosem Hautkrebs, den die Sonne durch die Spiegelung auf tropischen Meeren verursacht...




Der alte Mann und das Meer
Ernest Hemingway
Preis: 18,00 Euro
Gebundene Ausgabe 143 Seiten
weitere Infos & Bestellformular
Selten kam ein epochales Werk schlichter daher. Die eigentliche Geschichte ist schnell erzählt: Ein alter Fischer fährt seit Monaten, von einem Jungen begleitet, aufs Meer hinaus, ohne auch nur einen Fisch zu fangen. In seiner Verzweiflung entschließt er sich, noch einen Versuch zu wagen, fährt allein hinaus -- und fängt den größten Schwertfisch seines Lebens. Zwei Tage und Nächte dauert der Kampf, dann hat er den Fisch am Boot vertäut. Die Heimfahrt gerät zur Tragödie. Haie attackieren die Beute des Fischers, er kämpft einen langen, vergeblichen Kampf, schließlich nur noch mit einem Ruder bewaffnet -- und unterliegt. Völlig erschöpft landet er in seinem kubanischen Heimathafen, an der Seite seines Bootes ein von Haien zerrissener, wertloser Fischkadaver. Der alte Fischer legt sich in seine Hütte und schläft ein. Morgen wird er wieder hinausfahren.


Ernest Hemingway
Hans-Peter Rodenberg
Preis: 6,50 Euro
Taschenbuch 157 Seiten
weitere Infos & Bestellformular
Rowohlts Monographien gibt es ja schon seit den 50er Jahren. Irgendwie haftete den schmalen Büchlein immer etwas Bildungsbürgerhaftes an. Gesangbuchdünne Seiten und Textmengen, daß einen schwindeln konnte. Und bloß sparsam mit Bildern. Schaurig-schön. Sie kamen zum Schluß schon ganz schön tüttelig daher. Aber wichtig waren sie. Jetzt liegt Ernest Hemingway vor -- und siehe da, die neue Aufmachung zahlt sich aus. Schneeweißes, glattes Papier, tolles Layout. Jede Menge Schriftsteller-Eckdaten am Seitenrand. Und erst das Fotomaterial! Fast ausnahmslos noch nie gesehen. Wirklich liebevoll gemacht. Da wird "Papa" wieder ganz schön lebendig.


Ernest Hemingway, Gesammelste Werke in 10 Bänden
Preis: 49,00 Euro
Gebundene Ausgabe
weitere Infos & Bestellformular
Wer mehr wissen will über und von Hemingway, dem sei ganz besonders dieses Buch empfohlen. In bester Aufmachung, fein gebunden: Ein Schatz für jeden Hemingway-Kenner und-Liebhaber.